Ist das eigentlich alternative Biologie, wenn man behauptet, es gäbe 72 Geschlechter beim Menschen?
Biologischer Sex beim Menschen: In der Biologie wird Sex bei Säugetieren (einschließlich Mensch) durch die Produktion von zwei unterschiedlichen Gameten (Keimzellen) definiert:
- Klein und mobil → Spermien → männlich.
- Groß und nährstoffreich → Eizellen → weiblich.
Das ist die anisogame Definition, die seit Jahrzehnten Standard in der Evolutionsbiologie ist. Es gibt keine dritte Gameten-Art. Fast alle Menschen (über 99,98 %) entwickeln sich eindeutig in eine der beiden Richtungen: Ovarien mit potenzieller Eizell-Produktion oder Testes mit potenzieller Spermien-Produktion.
Störungen der Geschlechtsentwicklung (DSD/Intersex) sind Variationen oder Entwicklungsstörungen innerhalb dieses binären Systems – keine eigenen „Geschlechter“. Beispiele:
- CAH (bei XX-Individuen): Virilisierung durch Androgene.
- Androgen-Insensitivität (bei XY): Weibliches Erscheinungsbild trotz XY.
- Klinefelter (XXY), Turner (XO) usw.
Diese Fälle sind selten (ca. 0,018 % für echte Ambiguosität), medizinisch als Abweichungen klassifiziert und ändern nichts an der binären Reproduktionsstrategie der Spezies. Sie beweisen keine „Spektrum-Geschlechter“, genauso wenig wie Mutationen bei anderen Merkmalen (z. B. Polydaktylie) die Anzahl der Fingerarten vervielfachen.
Woher kommen „72 Geschlechter“? Solche Listen (Agender, Bigender, Demigender, Omnigender usw.) stammen aus Gender-Studies und Aktivismus, nicht aus Biologie. Es handelt sich um Geschlechtsidentitäten – also subjektive Selbstwahrnehmungen, soziale Rollen oder Gefühle. Eine populäre Liste mit „72 weiteren Geschlechtern“ neben Mann/Frau kommt z. B. von MedicineNet und ähnlichen Seiten.
Das ist keine empirische Biologie, sondern eine soziokulturelle/philosophische Kategorie. Biologie misst Hormone, Chromosomen, Gonaden und Gameten – keine „Mirrorgender“ oder „Abimegender“. Die Vermischung der Begriffe Sex (biologisch) und Gender (sozial/psychologisch) führt zu dieser Verwirrung. Wissenschaftliche Gegenpositionen: Einige populärwissenschaftliche Artikel (Scientific American, The Scientist etc.) sprechen von „Spektrum“, „bimodal“ oder „komplex“. Das ist teilweise korrekt bei sekundären Merkmalen (Hormone, Körperbau, Gehirnstrukturen): Diese zeigen Überlappungen und Bimodalität (zwei Häufungen mit Graubereich). Aber das ändert nichts am binären Fundament der Reproduktion. Viele solcher Texte sind ideologisch aufgeladen und ignorieren die Gameten basierte Definition, die in der Fachbiologie dominant bleibt.
Fazit: Die Behauptung von 72 (oder unendlich vielen) Geschlechtern beim Menschen ist keine seriöse Biologie, sondern eine Erweiterung des Gender-Konzepts auf Kosten biologischer Präzision. Sie verwechselt seltene medizinische Varianten und subjektive Identitäten mit neuen biologischen Kategorien. Wer das als „alternative Biologie“ bezeichnet, hat recht – es widerspricht dem evidenzbasierten Konsens in Reproduktions- und Evolutionsbiologie. Biologie bleibt deskriptiv und faktenbasiert; Gefühle und Identitäten gehören in Psychologie, Soziologie oder Philosophie.